Jena Jubilee Singers
Ein Wochenendausflug

von Jakob Reinisch

Protagonisten:
Andreas, der weiße Kavalier
Katja, unser größter (Fußball-)Fan
Birgit, oder: München ist schön
Martin, endlich Autofahren dürfen...
Yvonne & Yvonne, unsere Kreationisten
Jakob-Lukas-Ich, der zweite Bass
und
Judith und Nicolai, das Traumpaar

Zeitpunkt: 29. September bis 1. Oktober 2006

Ort: 1. Akt: Jena, 2. Akt: Lauterbach im Schwarzwald

Manchmal gibt es Dinge im Leben, die sind einfach so. Ein solches Ding sind die Jubilees. Und diese Dinge, die haben auch Eigenschaften, die einfach so sind. Über diese Eigenschaften braucht man dann auch nicht nachdenken und vielleicht sollte man es auch gar nicht tun. Denn dann bemerkte man ihre Unvernunft.
In diesem Fall hatten sich sieben Jubilees (siehe oben) und zwei Autos gefunden, die sich auf der Suche nach „dem Kick“ machten. Dieser bestand aus einem 48-Stunden-Trip in den Schwarzwald, bestehend aus 14 Stunden Autofahren, 14 Stunden Schlafen, 10 Stunden Speisen und noch etwas Beiwerk. Zum Beiwerk später mehr.

Es geht um unsere Judith und ihren Nicolai, die in ihren jungen Jahren zur wilden Ehe entschlossen – oder doch besser: zur Ehe wild entschlossen – zeigten. Judith hatte sich zwar bei uns in Rekordgeschwindigkeit als Sängerin etabliert und auch sonst schon einiges miterlebt, doch wir hofften, dass sie uns noch nicht in unserer ganzen Bandbreite einzuschätzen weiß. Trotz ausdrücklicher Einladung hatten wir sie von unserem Nichterscheinen überzeugen können, denn „der Termin ist blöd“ und alles „viel zu weit weg“… Der Reiz der Reise lag also in der Überraschung: Freunde von Judith hatten uns angeschrieben und seitdem stand fest: Da muss doch was gehen!
Schon während der Chorsommerpause wird beim wöchentlichen Kneipenbesuch fleißig kommuniziert, doch nach anfänglicher Begeisterung gestaltet sich das Ganze schwieriger als gedacht. Jeden Montag die bange Frage: Und? Hat sich schon ein Bass gefunden? Denn obwohl diese Stimmgruppe etwa 50% der Kneipengruppe stellte, wenn’s um den Außendienst geht: eisiges Schweigen. Tja da war wohl nix zu machen. Doch wer an’s Aufgeben denkt, kennt die Jubilees schlecht. Nachdem sich ein dritter Tenor gefunden hatte, was prinzipiell für zwei komplette Chöre ausreicht, wird beschlossen: Wir fahren! Irgendwer muss halt den Bass singen… „Irgendwer“ war dann wohl ich.
Also stand der weiten Reise nichts mehr im Wege. Den obligatorischen „Event-Song“ mit speziellem Judith-Text gab es natürlich auch, made by Yvonne&Yvonne. Nach einer einzigen Probe zu fünft in der Woche geht es am Freitag auf die Autobahn in Richtung Süden.

Ach so. Stopp. Da gab es dann doch noch ein paar kleine Schwierigkeiten bei der Abreise... Treffpunkt war 17.00 Uhr am Busbahnhof. Ich komme gestresst, aber gerade noch pünktlich an, im Bewusstsein, dass ich noch gerne die Wäsche aus der Maschine aufgehängt und meine Reisetasche von der letzten Reise ausgepackt hätte. Es warten brav: Ricki, Birgit. Erste Frage meinerseits: Sollten wir Schlafsack und Matte mitbringen? Keiner weiß es, doch wir haben sie alle dabei, man ist ja schließlich kein Neu-Jubilee mehr. Ob die anderen ähnlich denken?
Die Realität sieht so aus:

  • Andreas vergisst sein Rasierzeug bei seiner Freundin und dreht noch mal um. Zu uns zurückkommend steckt er im Stau.
  • Andreas leitet weiter, dass Martin ebenfalls im Stau steckt und später kommt.
  • Ricki versucht Katja anzurufen, die in Winzerla auf uns warten will, dass wir nun dadurch auch später kommen. Katja geht nicht ran.
  • Ricki braucht dringend ein Nasenspray, da sich bei ihr in solchen Augenblicken aus psychosomatischen Gründen immer die Nasengänge verengen. Sie verschwindet in Richtung „Müller“, lässt mir aber ihr Handy da. Es könnte ja sein, dass Katja zurückruft.
  • Sie tut es, aber ich kann Rickis Handy nicht bedienen, deswegen geht das schief… Also ruft Katja bei Birgit an und sagt, dass ihr eingefallen ist, dass wie doch wohl einen Schlafsack brauchen, dass sie den vergessen hat, dass sie deswegen noch mal zurückläuft und dass ihr das deswegen gut in den Kram passt, wenn wir etwas später kommen.
  • Andreas kommt gestresst angefahren und wir teilen ihm mit, dass er sich nicht so zu beeilen muss, weil Katja aufgefallen ist, dass sie ihren Schlafsack vergessen hat, dass sie deswegen noch mal zurückläuft und dass ihr es deswegen gut in den Kram passt, dass wir etwas später kommen. Andreas geht erstmal zum Bäcker und drückt uns seinen Autoschlüssel in die Hand – falls Martin ankommt.
  • Martin kommt an. Er fragt, ob wir einen Schlafsack und eine Matte mitbringen sollten. Wir sagen, dass wir es nicht wissen, aber dass man ja schließlich kein Neujubilee mehr ist und wir prophylaktisch einen eingepackt haben. Martin findet das unnötig, aber seine Mama hätte ihn ja nicht ohne gehen lassen... Uff!...
  • Andreas kommt zurück. Er hat mittlerweile realisiert, dass Katja aufgefallen ist, dass sie ihren Schlafsack vergessen hat, dass sie deswegen noch mal zurückläuft und dass ihr das deswegen gut in den Kram passt, wenn wir etwas später kommen – und dass daraus wohl zu schlussfolgern wäre, dass man auch selbst einen Schlafsack hätte mitbringen können… Doch für heute bleibt es beim Konjunktiv, denn nach Großlöbichau zieht es uns alle weniger.

 

Auch Ricki kommt mit Nasenspray wieder und wir brechen gegen 17.30 Uhr auf in Richtung Winzerla. Eigentlich hätte ich auch noch meine Wäsche aufhängen können... In Winzerla warten wir auf Katja und ihren Schlafsack, wobei uns Andreas mit der Auskunft begeistert, dass wir dem Plan seines neuen Lieblingsroutenplaners zufolge in nur drei Stunden in Lauterbach sein werden. Die Begeisterung erlischt jedoch recht schnell, als man feststellt, dass sein Lauterbach in der Rhön liegt und wir einigen uns doch auf den weiteren Weg in den Schwarzwald.

Also machten wir uns auf nach Bamberg, wo unsere Yvonne II am Wirbeln ist. In gewohnt souverän kreativer Manier hat sie nach bayrischem Beamtendienstschluss ein „total irres“ Jubilee-Gedächtnisheft gestaltet, damit wir nicht mit völlig leeren Händen bei der Hochzeit erscheinen müssen. Als wir sie ins Auto packen hinterlässt sie also eine Wohnung voller Schnipsel, Scheren, Kleber und sonstiger Utensilien. Nachdem versehentlich mit zwei netten Blitzfotos die letzten Höhen des Schwarzwaldes in tiefster Nacht erklommen sind, unsere Gasteltern uns mit lediglich zwei Stunden Verspätung in Empfang genommen und verpflegt haben, fallen wir alle auf unsere Matratzen (sofern vorhanden). Manche finden doch tatsächlich noch genug Energie sich zu fragen, warum ihre Matratzen eigentlich nicht kugelförmig sind. Leider konnte diese Frage nie ganz geklärt werden...

Am nächsten Morgen versucht man gründlich übernächtigt im kleinen Örtchen Lauterbach in der Kirche zu proben, ohne entdeckt zu werden und damit die Überraschung zu versauen. Beinahe hätte das auch geklappt, doch Judiths Bruder und ihre Mutter müssen zum Schweigen verpflichtet werden, nachdem sie uns in der Kirche über den Weg laufen. Und der Bräutigam Nicolai wird im Blumenladen nur um wenige Minuten verpasst. (Ich weiß aber bis heute noch nicht, was ein Bräutigam am Hochzeitsmorgen im Blumenladen macht...?) Und als wir dann durch all diese Begegnungen so richtig nervös sind, genügt schon die Anwesenheit von ein paar Firmanten in der Kirche, damit wir uns zehn Minuten hinter der Orgel verkriechen!

Also: Nix wie zurück, dann lieber bei Schlafzimmerakustik proben.
Ich lerne den Bass, damit sich das auch lohnt besser gleich den zweiten Bass, die übrigen bis zu vier Stimmen bei „I couldn’t hear nobody pray“ fallen halt weg.
Die Zeit wird knapp. Der Leberkäse will nicht so recht in den Magen.
Also auf geht’s. Die Autos möglichst weit weg von der Kirche abgestellt (das „J“ auf dem Kennzeichen könnte ja auffallen...), nähern wir uns eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn der Kirche und ersteigen die Empore. Puh, keiner hat uns gesehen.
Und jetzt: warten. Und: na ja, warten halt. Und nicht soviel schwätzen, was einem Jubilee nicht immer leicht fällt. Aber es hilft nix da müssen wir jetzt durch. Wahrscheinlich sind wir tausendmal nervöser als das Brautpaar selbst... Zur Ablenkung ein wenig rumlaufen. Nein, das geht auch nicht, das knarrt so. Verflixt. Jeder sucht nach individuellen Stressbewältigungsmitteln: Ricki fingert stundenlang an ihrer Kamera herum, damit diese ja nicht den großen Augenblick verpasst (was sie später natürlich doch tut...), Andreas verkriecht sich in mieser Laune völlig in sich selbst, ich belausche meinem Magen, der kräftig zu knurren begonnen hat...
Zwischendurch die bange Frage, was wir machen, wenn Judith bei den ersten Tönen in Ohnmacht fällt? Weitersingen ist die einstimmige Antwort!

Doch dann ist alles ganz schnell vorbei. Der Priester als einzig „Eingeweihter“ hält an der richtigen Stelle inne und ermöglicht damit unseren großen, stimmungsvollen Auftritt. Katja und Yvonne stimmen in die Stille der großen Kirche hinein ein wunderbares Duett an, die anderen erspüren mit allen Sinnen die Reaktionen in der Kirche und natürlich besonders die des Brautpaares.
Die Überraschung gelingt perfekt, auch wenn die Braut bei Bewusstsein bleibt. Der Knoten der Anspannung ist geplatzt, der Adrenalinspiegel sinkt wieder auf menschliche Dimensionen, eigentlich ist es jetzt vorbei. Die Konzentration schwindet, das zweite Lied geht voll daneben – egal.

Der Rest des Abends gilt der Entspannung. Wir ziehen singend durchs Dorf zur großen Feier und genießen die Gastfreundlichkeit und das nicht enden wollende, kreative Abendprogramm. Das Büffet befriedigt auch die bereits laut verkündeten Bedürfnisse meines Magens und ist für ungeduldige sogar während der Programmpunkte frei zugänglich. Wir geben noch ein paar Mal unsere Jubilee-Kunst zum Besten und verabschieden uns dann, um uns auf einen feucht-regnerischen Heimweg zur Matratze zu machen.
Der Aufbruch am nächsten Morgen endet dann doch noch recht hektisch, da Katja, treuester aller Carl-Zeiss-Jena-Fans, deren großen Auftritt in München (0:2, glaube ich) nicht verpassen darf und dieses schöne Städtchen ja auch (fast) genau auf unserem Rückweg liegt. Doch der brave, gern Auto fahrende Andreas und die noch bravere Birgit finden an dem 120 km weiten Umweg nichts auszusetzen. Scheinbar haben Jubilees auch eine Eigenschaft, die wohl zwischen Flexibilität und Phlegmatismus einzuordnen wäre...

Judith erklärt uns dann noch für krank, durchgeknallt, völlig anders und sowieso total irre.
Na ja: Dann haben wir doch unser Ziel erreicht.
Wir wussten das aber auch schon vorher, oder?

 

©2011 Jena Jubilee Singers