| Klappe die nächste... |
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von Yvonne Bruckauf Und wieder hat uns das Murmeltier begrüßt. Das Murmeltier heißt Eckhard und ist der Tonmeister, die Stimme aus dem Off, der uns durch das kommende Aufnahmewochenende leiten wird. Es ist CD-Aufnahme, und pünktlich und diszipliniert hat sich die Jubileesen-Schar in der Aula eingefunden, um sich eineinhalb Tage lang durch Noten, Texte, Geräusche und dergleichen zu quälen. Eckhard zeigt sich nur kurz und verschwindet danach gleich im Kabuff, um erstmal zu seinen zahllosen Kabeln die richtigen Knöpfe zu drehen. Singing inVor den Erfolg haben die Götter bekanntlich den Schweiß gesetzt. Und vor das Singen hat Norbert den Klaus bestellt – auch so einer, der uns alle paar Monate heimsucht, um genauso schnell wieder zu verschwinden... Klaus singt uns ein. Die Arbeitswoche hat bei so manchem ihre Spuren hinterlassen, und man kann nicht so recht sagen, was da so knarzt: die Podeste oder die Knochen der Sänger. Auf dem oberen Podest finden Gleichgewichtsübungen statt, während unten fleißig geschoben, geschüttelt und gerührt wird, damit am Ende zu den Stimmen gehörenden Körper so stehen, wie Norbert sich das wünscht. Beim Schielen durch die eigenen Beine entdeckt so manche Sängerin noch eine Hinterfrau, die sie noch nicht begrüßt hat, und es folgt das übliche, ausgiebige Begrüßungszeremoniell, unterbrochen vom Zischen derjenigen, die noch pünktlicher waren und bereits im disziplinarischen Rausch sind. Auf Klausen’s Kommando nehmen alle die Hände vor der Brust zusammen und schütteln sich und ihr Zwerchfell. Während Klaus die Thomy-Werbung zum Kassenschlager erhebt, bemerkt die Meute überhaupt nicht, dass sie vor lauter Erinnerungsversuchen an den dazugehörigen Werbespot den Rhythmus fast von Beginn an richtig singt – trotz Synkopen! Eine Unmenge von „f“-, „s“- und „sch“-Geräuschen, stakkato und legato an- und abflutenden Auf- und Abläufen, gurgelndem Glucksen und murmelndem Brummen, sonoren Gieksern, erneutem Schütteln, etc. bereiten uns mental auf Arbeit vor. Norbert derweil dirigiert schon wieder Luftlieder und grübelt, mit welchem Stück er uns zuerst malträtieren wird. Glory to the newborn kingEr entscheidet sich für „Glory to the newborn king“. Bevor das Stück im Kasten ist, gibt’s hier und da noch was zu lernen: Katharina zum Beispiel lernt, dass man vor der Aufnahme lieber sein Handy ausmacht, sonst muss man wieder vom Podest runter, wenn man mühsam hoch gekrabbelt ist; Anja lernt, dass man bei einer CD-Aufnahme nie allein, sondern nur in der Gruppe und mit chorleiterischem Dispens Pipi machen darf. Da es sich um zwei Aufnahme-Neulinge handelt, lachen alle und schwingen große Töne („Jaja, die Neuen!“), dabei – zu Eurem Trost – wäre sicher kurze Zeit später genau dasselbe irgendeinem Alt-Eingesessenen passiert (auch hier grüßt immer wieder das Murmeltier. Ich erinnere mich mit Freuden an das letzte Mal, als Gerhard II. bei „The life of man“ am Schluss voller Empörung darüber, dass es die wilden Kerle im Tenor auch beim dritten Mal noch nicht kapiert hatten, mitten in die auslaufende Aufnahme hinein platzte: „Kein `t`!!!!“ – und danach beinahe um sein Leben fürchten musste.“) Nachdem Katja ungefähr zehnmal ihr „oh Mary“ ins Mikro gehaucht hat, ist es dann vorbei – gerade noch rechtzeitig, bevor sich die Bässe wegen akuter Gaumensegellähmung krank melden müssen. Schon jetzt zeigen einige erste Verschleißerscheinungen, wackeln mit den Füßen, die doch erst seit einer Stunde stehen. Norberts Knarzer auf dem Parkett werden rigoros durch das Unterlegen einer Wolldecke unterbunden. Eckhard ist jetzt voll in seinem Element. Die Erstaufnähmler lernen, dass seine holden, schönen Worte interpretationsbedürftig sind:„Das war doch sehr schön.“ („Na ja, geht so“) „Vielleicht können wir gleich noch mal einen kompletten Durchlauf machen“ („Großer Mist, schmeiß’ ich gleich in die Tonne“) „Lasst uns vielleicht noch mal die Takte so und so machen“ („Habt Ihr dort eigentlich schon jemals in die Noten geschaut?“) Solche Sätze folgen Schlag auf Schlag. Norbert hat zu allem Übel auch noch ein paar Extrawünsche, und wir – die schon nicht mehr ganz so hungrige Meute – versuchen uns – schon leicht abgehalftert, aber noch immer willig – anzupassen.
The GiftNach einer Pause folgt „The Gift“. Follow that StarAch ja: „Follow that Star“ wird an diesem Abend auch noch aufgenommen. Norbert wählt mit dikatorischen Handstreich jeweils vier Stimmgruppenmitglieder aus, die die Soli singen müssen (gemeinsam, versteht sich). Das führt im Tenor zu erstaunlichen Aha-Effekten – manch einer sieht zum ersten Mal den Text dieses Stückes, leider brauchen sie dann auch noch drei Runden für jede Strophe, ehe die acht Silben jeweils geordnet über die Lippen flattern. Die übrigen Stimmgruppen rollen genervt mit den Augen. Nachdem Eckhard und Norbert irgendwann auch ihre Vorstellungen von der korrekten Abstimmung der einzelnen Solistengruppen harmonisiert haben, stört eigentlich nur noch der Hausmeister. Halleluja Christ is BornEs folgt „Halleluja Christ is Born“. Wir, die Rhythmusgruppe, von unserem Ego vollständig durchdrungen, begeben uns an den uns zugewiesenen Platz und beginnen mit unserem Gerassel und Geklapper. Eckhard ist leider gar nicht begeistert, weil man in der halligen Aula von den scheinbar säuberlich aufeinander abgestimmten Achteln nur noch einen undefinierbaren Brei hört. Also werden wir mit riesigen Schallschutzwänden und Decken eingemauert, und das einzige, was ich mir in meiner lebhaften Phantasie noch hätte ausmalen können, wäre gewesen, dass wir wie die heiligen Könige Wolldecken über den Kopf gezogen bekommen und unter den Wolldecken hätten klappern müssen. So weit lässt Eckhard es aber dann doch nicht kommen (Danke!!!!). Ich interviewe derweil Christoph zu den wichtigsten Eckdaten seiner neuen Freundin, und er gibt bereitwillig Auskunft. Nachdem er völlig euphorisiert den langen, hölzernen Shaker mit der spitzen Kante voran auf meinen großen Zeh hat knallen lassen, höre auch ich the angels sing – trotz Schallschutzwand. Der Abend endet irgendwann zwischen zehn und elf Uhr. FrühstückAm nächsten Morgen trifft sich das Sirenenseptett im Literatencafé. Dort bin ich in den elf Jahren, die ich in Jena gelebt habe, kein einziges Mal gewesen. Na ja, irgendwann ist immer das erste Mal. Nachdem wir ausgiebig die Architektur des Lauterbacher Dorffriedhofs durchdiskutiert und für Judith den neuen Spitznamen „Totengräber-Dudith“ ausgearbeitet haben, nachdem alle Milchcafés verschlürft sind und Katja sich vor lauter Gesprächen um Wasserleichen und Blut fast vom Stuhl geekelt hat (den Schneewittchenkuchen hat sie aber aufgegessen), fühlen wir uns fürs Sirenieren gerüstet.Die Kellnerin macht ein passables Gruppenfoto für meine Wohnzimmer-Bilderwand. Hanka, die seit einer halben Stunde ganz wild herumzappelt, fordert den Aufbruch. Ich hätte noch Stunden da sitzen können. Die sieben Schneewittchen und ...Im Unihauptgebäude entspannt sich folgender Dialog: Irgendwie können wir uns dann doch noch einsingen. Die Aufnahme geht ganz gut – jedenfalls nachdem Eckhard beschlossen hat, dass er uns nicht mehr mit der roten Lampe bescheint, um unsere erhitzten, ängstlichen Seelchen nicht noch mehr zu verunsichern. Judith besteht mit Glamour ihre Premiere als Aufnahmesirenenseptettchefin. Und natürlich waren wir schneller als die Männer. Die hatten übrigens Premiere als Männeroktett; ansonsten hat Wolfgang versichert, es sei „total unspektakulär“ gewesen. Singing inUm dreizehn Uhr füllen sich die heiligen Hallen der Aula mit regenerierten Jubileesen. Das Murmeltier Klaus grüßt mit frischer f-s-sch-thomy-brrr-e-a-e-a-e-aa-aa-e-a-e-a-e-a-Nummer. „TGDD“ (Judith) und ich sitzen in der zweiten Reihe – wir sind ja schon eingesungen – und analysieren im Dialog die Szenerie – Details unserer Einblicke, wie Hosengröße, Haartrachten, Figurbewertung, Haltungskritik etc. behalte ich für mich...;-) Der Hintern von Gerhard II. ist nach dem gestrigen Tag um einige Muskeln reicher, so oft wie er vom Podest zum Klavier musste, um den Anfangston anzugeben, und wieder rauf aufs Podest, um den Anfangston mitzusingen. Heute wird Christoph der Anstimmer sein. Oh Holy NightSchon während des Einsingens kann man übrigens in Norberts Augen lesen. Als Klaus den Sopran auf das „b“ hinauf trimmt, blitzt in Norberts linker Pupille das „Oh“ auf, beim nächsten Halbtonschrittin der rechten Pupille ein „ho“, und er lächelt ein breites „ly“. Bis zur „Night“ braucht es noch einen einzigen Seufzer. Geduldig wartet Norbert dann auch noch ab, bis die Vampirwünsche des „Mitternachtskanons“ erfüllt sind und sich alle richtig gruseln. Dann kommt das Lied der Lieder. Schwing-dingderassa, schwing-dingderassa, ratatatatata ratatatatata, Oh holy night... (der Chorleiter klatscht in die Hände und macht eine unwirsche Handbewegung) – den Rest kennen wir. (Volker wäre übrigens nicht Volker, wenn er nicht einfach so gedankenlos mitten im Gesang in die Aula gelatscht wäre. Er ist nur deshalb noch am Leben, weil die rote Lampe zu diesem Zeitpunkt nicht geleuchtet hat.) Hey SantaDann ist auch Nikolai endlich da, und deshalb singen wir jetzt „Hey Santa“. Nachdem Norbert ihm sein virtuos gespieltes Intro zum Choreinsatz endlich abnimmt (was für ein Verzögerungsschaden, beinahe zinspflichtig!), dürfen wir dann auch endlich do dot, dooolyah do dot singen. Ricky macht derweil mal wieder einen Spaziergang durch den Raum und schaut, ob ihre Videokamera noch läuft. Im Chor bricht Streit darüber aus, ob nun ein „dream“ oder mehrere „dreams“ true come(n). Nachdem Andreas kundgetan hat, dass er schon immer „dreams“ singt, beugt sich die Masse. Jeder singt einfach, wie er will. Die Stimmung ist jedenfalls gut. Natürlich wird auch der Chorleiter getestet, ob er schon wach ist. Wir übersingen gekonnt das subito piano und tun so, als wäre das normal. Norberts Rache ist furchtbar. Nachdem er kundgetan hat, dass diejenigen, die sich beim doolyah do dot nicht sicher fühlen, einfach die Klappe halten sollen, stehen die Weichen auf Sturm. Am Schluss kriegt Norbert so ein fortissimo „Oh yeah“, dass Eckhard aus dem Off gestehen muss, die Instrumente hätten es nicht geschafft. Es ist ein Sieg des Menschen über die Technik. Cakes and CoffeeEine halbe Stunde Pause führt uns wieder in das Literatencafé. Wie immer, wenn zwanzig, dreißig Jubileesen in eine Kneipe einfallen, ist auch die Besatzung des Literatencafés hoffnungslos überfordert. Wir machen uns einen Spaß damit, die engagierte junge Kellnerin hin und her und hoch und runter zu jagen – überall wimmelt es von Jubileesen. Es dauert eine Dreiviertelstunde, bis alle Milchkaffees, Kaffee, Kakaos, Himbeerschnittchen, Sahneschnittchen, Erdbeerkuchen, Schwarzwälder-Kirsch-Torten, Quarkkuchen und Frankfurter Kränze die Kehlen hinunter sind, und noch eine Viertelstunde, ehe wir wieder den Weg zurück auf die Podeste gefunden haben, die aufgrund der hinzu gewonnenen Kalorien tüchtig knarzen. Blue Chris’masDer Hausmeister blafft draußen herum. Katja erlebt die Grenzen ihrer natürlichen Autorität, als sie rausgeht, um für Ruhe zu sorgen, und feststellen muss, dass ihr Wort kein Gewicht hat. Erst Norbert schafft Ruhe im Männorgesongsvorein. Dann können wir „Blue Christmas“ singen. Eckhards Idee, Wolfgang und mich frontal dem Chor gegenüber zu stellen, ist eigentlich aus klanglichen Gründen entstanden; sie gibt uns aber fantastische Einblicke in die Chormeute, die schon viel krummer dasteht als noch vor eineinhalb Stunden. Tapfer singen sie immer wieder „bu hu“. Selten wurden Solisten bei den Jubilees mit soviel „Bu“s behandelt. Dass „Blue Christmas“ doch relativ lange dauert, liegt daran, dass Wolfgang und ich schlicht zu blöd sind, eine günstige Stelle zu finden, an der wir einsteigen können, um eigentlich nur noch mal den solistischen Schluss zu wiederholen. Zum Glück schmeißt keiner aus dem Chor mit Wasserbomben. Am Ende klingt das „blue blue blue blue“ ziemlich blue. Oh little town of BethlehemNach zwei Krachern kommt jetzt wieder so eine Mutprobe von Norbert: „Oh little town of Bethlehem“. Nachdem Andreas sich Noten organisiert hat, hakt es – abgesehen von den wohl als Zwerchfellstütze gedachten verschränkten Armen – nur noch an seinen Halbtonschritten. Wir spielen ein Weilchen: „Wer hat noch nicht, wer will noch mal“, und beim fünften Mal ist Eckhards absolutes Gehör dann auch mit Andreas und den endlich halbtonigen Halbtonschritten zufrieden (der Sopran übrigens mit Andreas’ Körperhaltung immer noch nicht). Nachdem der Chor in der ersten Strophe (Klappe die sechste) lauter, in der zweiten Strophe (Klappe die siebte) größer und in der vierten Strophe (Klappe die achte) leiser singt, nachdem Katja (Klappe die neunte) lauter ist als der Chor und (Klappe die zehnte) auch das hohe „g“ rausdrückt, nachdem Norbert und Anne sich über den korrekten Einstieg in das „How“ der dritten Strophe geeinigt haben (Klappe die elfte) und auch Frank-Reiner ehrenhalber noch einmal zu laut (Klappe die zwölfte) und Gerhard zu „belegt“ (Klappe die dreizehnte) gesungen haben, erscheinen uns die Glocken der Uhr am Unihauptgebäude wie die von Bethlehem und Norbert wie eine Fata Morgana. Santa looked a lot like DaddyAber Norbert wäre ja nicht Norbert, wenn er jetzt aufgeben würde, Eckhard hat eh nichts Besseres zu tun, und die gemeinen Jubilees haben bekanntlich kein Zuhause. Also hängen wir um halb sieben Uhr abends noch „Santa looked a lot like Daddy“ dran. Die Disziplin der Disziplinlosen ist längst aufgebraucht, und so wird erst Gerhard II. gegenüber Andreas und Christoph laut, die sich schlichtweg überhaupt nicht mehr einkriegen, und dann holt auch Norbert die Keule raus und spricht deutliche Worte. Funktioniert aber. Nachdem Anne auch noch einen Spuckschutz vor ihr Sprechmikro bekommen hat, schnattert sie das mit den Cookies und Thankyou-Notes munter und ohne Versprecher raus, wir brüllen „Oh my“, und das „Yes Sir!“ der Männer erinnert mich schwer an mein Bamberg und die Kaserne. Baby it’s cold outsideEndlich gibt Norbert nach. Alle dürfen nach Hause gehen. Alle, außer Agnes, Wolfgang, Jakob und mir, die noch das „Baby it’s cold outside“ aufnehmen. Eckhard ist unermüdlich und schafft es, uns vier komplette Versionen und x Teilversionen aus den Röhren zu locken, uns erst flach und dann rund singen zu lassen, mich vom lauten zum leisen zu zwingen (in jeder Zeile!) und Wolfgang dazu, deutlicher zu sprechen (nicht so implosiv, versteht sich). Auf Knien bitten wir um Vergebung. Um dreiviertelneun ist Eckhard zufrieden. Damit fällt für mich endgültig und zum letzten Mal der Jubilee-Hammer. Wolfgang und ich geben unsere Texte an Anke und Gerhard weiter (die bis hierher tapfer ausgeharrt haben und das Liedchen nun im nächsten Jahr singen dürfen sollen). Tagwerk vollbracht.CD aufgenommen. Zur guten Hälfte jedenfalls. Alle zufrieden. Wir schleppen uns aus dem Haus.
Eckhard, und noch was: Wir hätten echt mit aufgeräumt, wenn du uns gelassen hättest. |
©2011 Jena Jubilee Singers
