| Weihnachtsfeier ist nicht gleich Weihnachtsfeier |
|
von Yvonne Heidler Das wissen wir, seit wir uns in diesem Jahr selbst Gedanken darüber machen mussten, wie wir die Jubilees bespaßen. Mitte November trifft sich die "Weihnachtskrabbelgruppe" (Katjas Wortschöpfung) zum ersten Mal im "Immergrün". Nach einer reichlichen Stunde war das Konzept für das diesjährige Weihnachtsprogramm geboren. Na, das ging ja besser als wir dachten! Zur ersten Probe nahmen wir das großzügige Angebot Jacobs an, den langen Flur seiner WG zu nutzen. Nachdem die Jungs samt Katja die Ernährung für diesen Abend sichergestellt hatten und endlich entschieden war, wer bei welchem Chinesen was für ein Gericht bestellt und ob die bestellte Menge dann auch dem Mindestwert entsprach und unter welcher Telefonnummer .....und überhaupt....., konnten wir dann endlich auch beginnen. Wir bahnten uns einen Weg durch Schuhe, Kisten, Sessel und Hocker, stießen alsbald an der Wand an und traten uns zusätzlich selbst in die Quere, da die Schrittkombination für tagesstressbedingte Konzentrationsmangelerscheinungen ungeeignet war. Die nächste Probe wurde in meinem Wohnzimmer verabredet und Jacob schien erleichtert ums Aufräumen noch einmal herumgekommen zu sein. Außerdem entschuldigte er sich für die kommenden Proben, versicherte aber er käme wieder und wäre für alles zu haben. Essensbestellungen wurden fortan untersagt. Der Donnerstag stellte sich für alle als einzig möglicher Probentag heraus und wurde künftig entsprechend reserviert. Selbst Hilde, die sich grundsätzlich erst weit nach Sonnenuntergang in ihr Eigenheim schleicht, hatte sich diese zwei Stunden zwischen ihren anderweitigen Verpflichtungen, die ebenfalls selten dienstlicher Natur waren, freigehalten. Die Gruppe lief regelrecht über vor Ideen zum Programm. Der Zwergenmarsch aus dem Film "Die 7 Zwerge", Walzer, eine zum 3.Mal abgeänderte Schrittkombination, Wortspielereien die aus dem EINMARSCH ein "Au "MEIN ARSCH" werden ließen, um anschließend wieder umsortiert zum "EINMARSCH" und nach einer 180 Grad-Drehung zum EINSINGEN zu mutieren. Haben das jetzt alle kapiert? Nein? Egal. Bei uns herrschte eine Disziplin wie im Hühnerstall. Wie kann man sich immer und immer wieder über ein und dieselbe Sache ausschütten vor Lachen? Ehe dieser Gackerhaufen zur nächsten Aufgabe bereit war, ging wertvolle Probezeit fürs Lachen drauf. Außerdem fand ich es äußerst unprofessionell, sich als Künstler über seine eigenen Witze krumm und schief zu lachen. Kurzerhand verbot ich Katja und Christoph das Lachen. Katja maulte und meinte sie sei Katja und nichts anderes als Katja und könne nicht anders als eine Katja sein aber wunderbarer Weise ging's dann doch... (ohne Lachen). Hilde jedoch durfte ihren Kostüm- und Hutfimmel ungestört ausleben. Walter und Hilde hatten damals gut daran getan, um den Haufen aus Kleidern, Schuhen, Mützen, Hüten, Tüchern und Gürteln, aus allen Epochen der Neuzeit, ein Haus drum herum zu bauen, damit das alles irgendwie zusammen bleibt. Hildes Geist entrückte zusehends in ihre Kleiderschränke und hatte dieser gerade ein tolles Kleid gefunden, so tippte sie mir mit strahlenden Augen auf die Schultern und vor mir erstand Hilde im roten Kostüm der 50`ger samt Federboa, Netzstrumpfhose bis hin zu den goldenen Schuhen, denen sie im Laden nicht widerstehen konnte, die dann aber wohl den Rahmen der Extravaganz sprengten und ungetragen ein viertel Jahrhundert ihrer Bestimmung harrten. Aus diesem unerschöpflichen Fundus heraus wurden wir also mit den diversen Assesoires versorgt. Um einer Räumungsklage zu entgehen und weil die Wände selbst meines Wohnzimmers in beträchtliche Nähe kamen, besorgte uns Katja einen Probenraum im Campus. Sie missbrauchte unseren guten Namen zu einem guten Zweck, worauf sich für uns Tür und Tor öffneten. Der Jubilee Singers' Song wurde von Jacob wortwörtlich ins Deutsche übersetzt und brachte uns für die ersten fünf Minuten zum Lachen. Ja, das Proben dieses Liedes in dieser Form sucht nach Superlativen, die das Adjektiv -langweilig- noch treffender Beschreiben. (Carsten, es betrifft wirklich nur die verhunzte Version deines Liedes, bitte verschone mich in der Zukunft!). Ich fühlte mich einer Desertion nahe und hatte bockig beide Hände vor der Brust verschränkt. Nein, dieses Lied bitte anders doof aber nicht so! Gott sei dank wurde mein Vorschlag zum nächsten Termin einstimmig angenommen. So ganz nebenbei wurde auch das Sextett in die weihnachtliche Geheimniskrämerei hineingezogen. Dem von den "Andrew Sisters" geklauten Lied "Bei mir bist du scheen...", da sind wir ja mittlerweile Spitze drin, wurde ein vor nostalgischem Weihnachtsfett triefender Text verpasst. Die mittwöchentlichen Sextettsitzungen entarteten daraufhin ebenfalls zur Kostümschmiede. Wie fühlt man sich als Weihnachtsfee, als Tannenbaum, als Geschenkpaket oder als Christkind? Wir wissen es jetzt. Gott sei dank hatte sich Yvonne I. nicht ganz von ihren weihnachtlichen "Verpflichtungen" dem Chor gegenüber zurückgezogen und ward an einem wertvollen Samstagnachmittag mit langer Weile geplagt. Sie beschreibt mit Hilfe Billy Joels "He didn`t start the fire..." die Querelen mit denen unser Chor lebt, darunter leidet und darüber lacht. Wolfgang, Annett und ich durften dies dann mit ihr gemeinsam ausbaden. Doch auch dazu wurde ein Freitagabend geopfert und Annett stand ganz sicher kurz vorm familiären Rausschmiss, denn sie sang zwei Wochen lang, Tag für Tag. So zogen die wenigen Donnerstage, behindert von der Montagsprobe, der Mittwochsprobe und den lästigen familiären Verpflichtungen, dahin. Jonathan bastelte mir meine Weihnachtpaketverkleidung und schimpfte mich, dass immer ich die Weihnachtsfeier am Hals habe. Er hatte vollkommen Recht und ich gelobte Besserung. Ich schwor mir gemeinsam mit Katja: Nächstes Jahr ist jemand anderes dran! Diesen Stress müssen wir uns nicht noch einmal geben. Und wir halten weiter tapfer durch. Martin und Christoph sehen es weitaus gelassener. Martin kommt strahlend und geht strahlend. Christoph sieht mit stoischer Ruhe alles kommen und gehen, und da ist es auch gar nicht schlimm, dass die CD mit den Liedern noch nicht fertig ist. Na und Jacob hat am wenigsten auszustehen, weil er nicht da ist. Eine Generalprobe unter verschärften örtlichen Bedingungen sollte am Freitagabend über die Bühne gehen. Eigentlich war bis dahin alles klar, nur dass sich irgendwann einmal der bis dahin verdrängte Geburtstag meines jüngsten Kindes seinen Weg durch die Wirren der weihnachtlichen Vorbereitungen in mein Bewusstsein brach. Viel Verständnis über diesen plötzlichen Einfall habe ich nicht geerntet aber die Gruppe lies sich ihre kritischen Gedanken nicht anmerken, heuchelte vollstes Verständnis für meinen Geisteszustand und vorverlegte die Generalprobe am Donnerstag in mein Wohnzimmer, da dieser Tag durch das Konzert im Maxx-Hotel eh versaut war. Martin ging haarscharf an einer Hinrichtung vorbei, als er uns kundtat, lieber an einem Geburtstagsgeschenk für eine Freundin gebastelt zu haben, statt unsere Buchstabenkärtchen fertig zu stellen. Der Kauf der farbigen Bastelbögen konnte jedoch zu seiner Entlastung angerechnet werden. Doch wenigstens war die Musik im Kasten. Die Nachbarn haben sich nicht gemuckst, als die 7 Zwerge allesamt auf den Boden krachten, auch das Gewieher, das das Heliumschnüffeln in uns auslöste, wurde am nächsten Tag noch schweigend hingenommen. (Es kann auch sein, dass die Nachbarn gar nicht mehr mit mir reden und aus diesem Grunde die Beschwerden ausbleiben.) Da standen wir nun im Kreis mit einem Luftballon voller Helium in der Hand und trauten uns nicht das Zeug einzuatmen. Ich fand diesen Anblick besonders bei Hilde ziemlich lustig, da man nicht unbedingt davon ausgehen kann, dass man in ihrem Alter unbedingt für solche Scherze zu haben ist. Am Samstag wollte ich, angesichts des zu erwartenden anstrengenden Tages, ausschlafen. Johannes und sein kleiner Kumpel machten mir einen kräftigen Strich durch die Rechnung und quatschten acht Minuten nach Sechs munter in ihrer Bettbude drauflos. Geht's noch?! Mit Annett hatte ich mich morgens 10:00 Uhr an der ESG verabredet, da ich Christianes Auto, welches die Fressalien der Jubilees aufnehmen sollte, schon allein durch meine Requisiten blockiert hätte. Doch Annett war ganz in die Reinigung ihrer sanitären Einrichtung vertieft und vergaß mich. Über die Ecke Wolfgang-Yvonne besorgte ich mir ihre Telefonnummer und lud sie persönlich zu unserem Date ein. Das war nun schon die 2. Panne und es war erst um Zehn. Die 30 kg schwere Heliumflasche, die "100" Hackfleischbällchen, ein überdimensionaler Karton, der bereits im zusammengeklappten Zustand die Rückbank meines PKW ausfüllte, und "hunderte" von Kleidungsstücken wurden sorgfältig im Haus verstaut. Bis zum weihnachtlichen Auftakt meldeten sich Herzi mit einem Auszug aus der Ur- und Frühgeschichte der Jubilees, und Stefan mit einem musikalischen Banküberfall, getarnt als profane Rhythmikübung, zum Programm an. Ulla wollte auch noch was zu melden haben und der Wichtelschrott musste ebenfalls irgendwann unter die Massen gebracht werden. Yvonne und Wolfgang zogen ihre Joker aus der Tasche und hatten "Was zum Vorlesen". Mittlerweile gab es keine Anzeichen von Reaktionen meinerseits mehr. Die Übersicht über die Luftballons hatte ich längst verloren. Das Konzert in Lauscha war schnell "gegessen". Fette Pommes Frites, eine ungewöhnlich anheimelnde, wirklich sehr thematisch ausgestaltete Halle voller Glasöfen, beständiges Rauschen der Gebläse, ein Podest in luftiger kalter Höhe und nicht gekaufte goldene Weihnachtskugeln, brachten mir Kopfschmerzen und den vorgezogenen Erschöpfungszustand ein. Das war nun schon der 3. Umstand, der mich in Unmut versetzte. Es war Zeit für eine Wende. Dann erinnere ich mich nur noch an die Überredungskünste, die ich auf meinen Sohn verwendet habe, doch noch Saxophon zu spielen, an Hilde, die uns voll angenervt wegen irgendwas anschnauzte und unsere gelungene Eröffnung des Weihnachtspaketes und damit der Feier. Ich höre das Zusammenklatschen unserer Hände nach den geglückten Programmteilen, den hektischen Tumult im Kostümzimmer und die tausendundeine Frage, die ständig auf mich einprasselte. Vor mir ersteht Hanka mit Flügeln, Judith als Weihnachtsbaum, Klaus als Weihnachtsmann, Katja in Zehenstrümpfen und Jakob in Bauchfrei. Brunhilde sendet mir, unter ihrer blonden Perücke hervor, einen tiefsinnigen Blick zu, Martin grinst und grinst und grinst, drückt mir vor dem Heimgehen einen dicken Kuss auf die Wange, obwohl ich mit meinen Netzstrumpfhosen und im BH gerade nicht ganz so schick aussehe. Irgendwo leuchtet Wolfgangs Pumuckelkopf, Christoph bohrt Katja als Norbert-Imitator bald in der Nase, Jacob lässt uns sinking down und ich versinke letztlich im Sessel und wünsche mir, dies alles mal von der anderen Seite zu erleben. Ich will mir auch mal den Bauch voll schlagen, einen Blick ins Weinglas riskieren und mich nicht immer über versagende Scheißkameras ärgern. Eure Ricky |
©2011 Jena Jubilee Singers
