Jena Jubilee Singers
Wie alles begann

von Gerhard Herzog

Ein Erinnerungsprotokoll von Gerhard "Herzi" Herzog
aufgezeichnet anno 2006

Vorabend

Am Anfang standen Konzerte in der Jenaer Stadtkirche mit Edda Cameron, Chris Barber im Volkshaus, eine bei Amiga erschienene Schallplatte von dem "Golden Gate Quartet", das in den westlichen Hitparaden auf den forderen Rängen gelistete "Nobody Knows" in der Interpretation von Louis Armstrong und "O happy Day" mit den "Edwin Hawkin Singers".
Mit Hilfe von Plattenspieler, Radio und Tonbandgerät hörte ich oft zusammen mit Freunden Musikkonserven von Bach bis Richard Wagner, von Jazz bis Rock. Aktiv musizierten wir in einem der leistungsstärksten Laienchöre der DDR, der Singakademie Jena. Leider wurde dieses musikalische Aushängeschild der Universität durch die Nachwendewirren aufgelöst und durch den Uni - Chor ersetzt. Hier trafen sich die ersten Jubilees, die natürlich noch nichts von ihrem späteren Glück ahnten, zum gemeinsamen Musizieren.
Norbert lernte ich 1973 kennen und er wurde bald zu einem der häufigsten Gäste in meinem kleinen Junggesellen Konzertsaal. Rotwein der Marken "Stierblut" und "Pinot Noire" oder wenn wir Glück hatten auch ein bulgarischer "Melnik 13",flossen durch unsere künstlerischen Kehlen. So geistig vorbereitet gaben wir uns u.a. begeistert der geistig-musikalischen Größe eines Richard Wagner hin. Dieses Freizeitverhalten junger Leute war indes nicht üblich in unserer eingemauerten Republik, hatte aber keine weiteren Konsequenzen für uns zur Folge, da wir ansonsten unauffällig und regelmäßig unserer Arbeit pflichtgemäß nachgingen.

Waldläufe, die zu damaligen Zeit noch Ausdauerläufe und nicht Joggen hießen, führten uns in die schöne Natur des Jenaer Forst oder über die Kernberghorizontale. So verschafften wir uns den nötigen körperlichen Ausgleich. Da uns das alles nicht genügte, nahmen wir uns eine gemeinsame Gesangslehrerin, Sigrid Jahn, und ebenfalls gemeinsam Edith Pfeiler als Klavierlehrerin. Als wir beide in den 80-iger Jahren des vorigen Jahrhunderts überraschenderweise eine jeweils auch noch eigene Familie gründeten, änderte das erst einmal wenig an den gemeinsamen musikalischen Interessen. Was machen nun zwei begeisterte Musikliebhaber, denen das Korsett der klassischen Musik zu eng geworden ist?
Norbert hatte die Lizenz zum Chorleiter in einem Fernstudium an der "Franz List Hochschule" Weimar erworben, Gerhard suchte ein neues Ensemble, nachdem er sich aus persönlichen Gründen von der Singakademie verabschiedet hatte. Der Drang etwas Eigenes zu machen, wuchs ins Unermessliche. Sich an Ungewohntes zu wagen gipfelte in dem Gedanken einen eigenen Chor zu gründen.
Unter anderem schweben mir, nach dem ich auf dem Moskauer Flughafen einen westdeutschen Rachmaninow Chor kennen lernte, russisch orthodoxe Gesänge vor. Inspiriert durch "April" von Deep Purple, dachte ich auch über chorische Rockmusik nach. In den eingangs erwähnten rotweinseligen musikalischen Abenden wurde im kulturellen Teil immer öfter auch von den Gospel und Spirituals gesprochen, in welchen wir einen der Ursprünge der moderner Unterhaltungsmusik sahen. Auch der Umstand, dass weit und breit kein Chor diese Musikgattung pflegte, spielte in den Überlegungen eine bestimmende Rolle. Kirchenchöre waren damals eher traditionell europäisch, also steif und ernst ausgerichtet. Die staatlich geförderten Chöre aber benötigten Klassenkampfargumente um amerikanische Musikstile pflegen zu dürfen, konnten wir uns dieser kulturellen Nische annehmen.

Erster Tag

Anfang Mai 1988 war es so weit!
Jahrelange Agitationsarbeit meinerseits trug endlich ein Früchtchen.
Norbert lud in seine Wohnung, Riedstrasse 1 in Jena ein.

Am 09.05.1988 trafen sich die ersten sechs Jubilees. Julia Aures und Carola Weibrecht, beide im Jahr 2000 leider ausgeschieden, Renate Klopffleisch, Norbert Kleekamp, Birgit und Gerhard Herzog. Mit zwei Sopranen, einem Alt, keinem Tenor, dafür aber einem Bass, und einen "Teamleiter" begann unser Abenteuer.

Eine Woche später konnten wir Stefan Vettermann als Tenor und Renate Floßmann als Altistin in unserer Mitte begrüßen. Noch erwähnen möchte ich Peter Häußer, der Norbert in seinem Entschluss einen Chor zu gründen bestärkte, anfangs mitwirkte, uns aber schon nach einigen Monaten verließ, da das leistungsorientierte Herangehen an unser Projekt nicht in seinem Sinne war. Die ersten Proben fanden in drei konspirativen Wohnungen, denen. von Norbert, Carola und Stefan statt. Im Herbst konnten wir weitere Sänger/innen in unserem Kreis begrüßen.

Nach acht Monaten wurde unser erster Auftritt mit einer Personalstärke von 17 Personen gemeistert. Er fand auf der Empore der Friedenskirche am 24.12.1988 im Rahmen des Weihnachtsgottesdienstes statt. Vier Titel präsentierten wir, noch namenlos, dem überraschten Publikum. Nobody Knows, Virgin Mary, Amen und Deep River.

Die ersten Monate

Keine Ahnung aber voller erwartungsfroher Begeisterung gingen wir die Proben an. Die Melodien der ersten Stücke gelangen uns erst einmal recht gut. Aber schon bei dem stimmlichen Unterbau wurde uns klar, allein mit unseren klassischen Erfahrungen kommen wir hierbei nicht weiter. Textübersetzungs- und Deutungsversuche erwiesen sich als ähnlich schwer. Unser bescheidenes Schulenglisch oder gar die weit verbreiteten von oben angeordneten Russischkenntnisse erwiesen sich als untauglich. Ganz zu Schweigen von der Aussprache, als Beispiel das wohl allen bekannte "th" (diäitsch), also wsße oder so ähnlich gesprochen. Wertvolle Zeit wurde basisdemokratisch diesen Problemen geopfert. Nun erst der Rhythmus! Auf Platte klang das ja sehr leicht, und in der Badewanne gelang mir ein Go down Moses oder Peace in the Valley auch recht ordentlich. Die Nachbarn haben sich jedenfalls nie beschwert! Aber die chorische Umsetzung mit den künstlerischen Ansprüchen unseres Chorleiters in Übereinklang zu bringen, verlangte von uns fast überirdische Anstrengungen.

Eines wurde schnell klar. Uns fehlen zwei Grundvoraussetzungen. Zum einen das angeborene Temperament und zum anderen der fanatische Glaube der amerikanischen Gospel Sänger/innen. Wir beschlossen aus diesem Erkenntnisstand heraus einen eigenen Interpretationsstiel zu entwickeln. Uns möglichst nah mit unseren Fähigkeiten an den Originalen zu orientieren, diese aber nicht zu kopieren wurde schließlich unser Erfolgsrezept.

"Du Bing, Du Bang, Du Bong" - ein Kanon sollte uns aus unserer klassischen deutschen Steifheit befreien und wurde zum chorischen Alptraum. Im Halbkreis zu sitzen und häufiges Aufstehen während der Probe war ungewohnt. Swingend oder nicht swingend ist bis heute eine ungeklärte Frage geblieben. Der Autor gesteht, ihm war das egal, er sang nach Gefühl. Auswendig singen und sich gleichzeitig im Rhythmus schwingend zu bewegen, nicht zuwenig, aber auch nicht zuviel, sonst droht das "Tanzbär Syndrom", zeigten die unterschiedlichen Grenzen der Koordinationsfähigkeiten unserer Mitstreiter auf. Die ersten von uns warfen das Handtuch, vor allem diejenigen, welche an eine gemütliche Singe Stunde dachten, um danach oder während dieser ein entspannendes Bier zu trinken. Nicht mit Norbert! Mit mathematischer Präzision verlangte er von uns eine punktgenaue Umsetzung seiner Vorstellungen. Und Gott sei Dank auch der größte Teil der damaligen Akteure waren seiner Meinung. Weder abfällige Bemerkungen nach unseren ersten Auftritten aus Jenaer Musikkreisen, noch inoffizielle Drohungen und Ermahnungen offizieller staatlicher Institutionen diesem "Unfug" ein Ende zu setzen, konnten uns von unserem Vorhaben abbringen die Gospels und Spirituals zu singen. Auch zu eng werdende Probenräume und die wenigen Möglichkeiten Notematerial zu bekommen entmutigten uns nicht. Martin Funk, der sich im Herbst 1988 uns anschloss, besorgte über seine Gemeinde ein kleines gelbes Notenbüchlein mit ca.30 Gospel und Spirituals in vier bis achtstimmigen Sätzen. Genug Material für die nächsten beiden Jahre. Schon damals unternahmen wir Ausflüge in andere Musikstile. So gehörten die beiden Lennon/McCartney Titel "Michelle" und "Yesterday" auch mit zum Probenalltag.

Das Raumproblem wurde durch das Angebot eines unserer ersten Fans, dem damaligen Jugendpfarrer Dorsch, gelöst. Wir konnten einen Gemeinderaum, der sich im Keller des Landeskirchenamtes in der August Bebel Strasse befand, für unsere Zwecke nutzen.

Alte Plüschsofas und in die Jahre gekommenen Sessel und Stühle aus den 50 er Jahren luden zum Verweilen ein. Ein alter Ofen musste in den entsprechenden Jahreszeiten mit Brennmaterial versorgt werden. Da vor uns die Junge Gemeinde den Raum nutzte, brauchten wir in der Regel nicht zu heizen. Zu Wochenendproben bestückten wir den Ofen allerdings selber und brachten hierzu manchmal auch Kohle und Holz von zu Hause mit. Norbert übernahm hin und wieder dieses Amt und heizte uns so, im wahrsten Sinne des Wortes, ein.

Die Namensgebung

Ab Herbst 1988 wollten wir dem so geborenen Ensemble auch einen Namen geben. Während einer Probe in Stefans Wohnung wurde die heiße Phase der Diskussion über den Namen unseres noch jungen Chores eröffnet. "Jenaer Gospelchor", "Gospelchor Jena" , "Gospel Vokal Ensemble", waren einige der ernst gemeinten Vorschläge. "Kleekamp Singers" schmeichelte Norbert zwar, aber er widerstand der Versuchung dieser vielleicht etwas verfrühten Denkmalsetzung und lehnte, so wie er halt manchmal ist, einfach ab.

Nun ergab es sich, dass in Norberts Familie eine reizende Hündin namens Quinta lebte. Von edlem Geschlecht, die 5. Kreuzung Ihrer Art , wohlerzogen und äußerst musikalisch. Sie durfte oft unseren Proben beiwohnen und entwickelte sich zu einem echten Maskottchen. Auch besaß sie, passend zu den Ursprüngen unserer Musik, ein gepflegtes schwarzes Fell. Oft begleitete sie unsere Sangesversuche mit einer auf und abschwellenden abrupt im Staccato endenden hundetypischen Melodie. Diesen durchaus modern anmutenden Gesang auf dem Vokal U und auf Wau endend, kann man sich ungefähr so vorstellen. UHHH, UHHHHH , UUHHHU wau, wau! Unser Chorleiter unterband meistens mit einem strengen: "Psst, ruhig Quinta!" diese Bereicherung unseres Probenalltags. Da Unmutsäußerung jener Art von unserer Quinta naturgemäß meistens nur wenig oder überhaupt nicht beachtet wurden, sie war halt ein Weibchen, musste das musikalische Tier oft den von uns belegten Probenraumes verlassen, nur um draußen nun angebunden noch intensiver ihre klagende Stimme zu erheben.

Da traf mich wie ein Blitz die Eingebung, musikalische Leistung und schwarzes Fell des Tieres, die Querverbindung ihres Namens zu dem von allen Sängern gern gesungenem Intervall Quinte, dergestalt zu würdigen, Quinta als Bestandteil unseres Namens zu nutzen. "Quinta Singers" - klingt das nicht originell, ja außergewöhnlich? Durch geschickte Agitation war es mir gelungen, einen Teil der damaligen noch nicht Jubilees für diese Wortschöpfung zu begeistern. Aber ein kräftiges Veto unseres Chorleiters brachte dieser Idee das endgültige Aus. Norbert kam mit einem eigenen Vorschlag. Inspiriert durch den die Freude vermittelnden Begriff "Jubilee" im Namen einiger amerikanischer Gospelchöre, unter zu Hilfenahme des Namens unserer Heimatstatt wurde der Begriff "Jena Jubilee Singers" aus der Taufe gehoben. Breite Zustimmung bei einer Stimmenthaltung beendete die wochenlange Suche nach unserem Namen.

Wir brauchen ein Erkennungszeichen

Nach dem der Akt der Namensgebung erfolgreich beendet wurde, wollten wir unsere Plakate mit einem eigenen Erkennungszeichen ausstatten. In unseren Reihen wirkte damals Steffen, der Sohn von Renate Flossmann mit. Als Pop-Art Künstler hatte er sich in der Jenaer Kunstszene einen kleinen Bekanntheitsgrad erarbeitet. Julia Aures machte uns den Vorschlag, diesem jungen Künstler den Auftrag zum Entwurf eines Logos zu erteilen. Heraus kamen unterschiedliche Vorlagen, deren Erscheinungsbild weitestgehend aus meinem Bewusstsein verschwunden sind.

Nach den damals üblichen, wochenlangen basisdemokratischen Diskussionen einigten wir uns mit einfacher Mehrheit auf eine geschlängelte, horizontal verlaufende schwarze Linie, welche einem auf die Seite gelegten, schematisch dargestellten Violinenschlüssel ähnelte. Das Jubilee Mantra war geboren.Auf unterschiedlich farbigen Untergrund, je nach dem welche Papierart für die Plakate gerade ausreichend vorhanden war, traten wir nun auch graphisch in das Bewusstsein unserer langsam größer werdenden Fangemeinde.

Da hin und wieder Diskussionen über dieses Logo aufkommen nun einige meditative Deutungsversuche vom Verfasser dieser Zeilen, also mir dem Gerhard Herzi Herzog. Ich nehme mir ab und zu etwas Zeit, zünde einige Kerzen an, schicke meine Frau in das Bett, lege Jubilee Konzertmitschnitte als Meditationshindergrund auf und versinke in dem Anblick diverser Jubilee Plakate. Folgende Bilder drängten sich mir im Laufe vieler Jahre so nach und nach auf. Ein Violinschüssel, schematisch dargestellt als Zeichen für ein neues swingendes Musikgefühl. Der geschlängelte Verlauf! Erinnert er nicht an einen großen tiefen Fluss, dem "Deep River"? Der Flüchtende, welcher ihn erreicht, braucht das Wasser nur zu überqueren - "Wade In The Water". In der Hoffnung auf der anderen Seite des Flusses die Freiheit zu erlangen - "Free At Last". "Go Down Moses", der gebogene Hirtenstab des Moses, weist er nicht den Weg in das gelobte Land? Das geschwungenen Auf und Ab unseres Lebens mit all den Höhen und Tiefen, drängt sich mir durch den Linienverlauf ebenfalls auf. Die angedeutete liegende Acht, ein Zeichen der Unendlichkeit. Es zeigt das Werden und Vergehen in einem immerwährenden Kreislauf. Ich ahne die nicht zu begreifende Größe des Universums, im biblischen Sinne der Schöpfung. Kritikern, denen diese Gedanken als zu überzogen, ja sogar esoterisch erscheinen, gebe ich zu bedenken! Unser bestehendes Marken- und Erkennungszeichen wurde und wird seit vielen Jahren durch unser Wirken mit Leben erfüllt.

Es gäbe noch viel über unserer Gründerzeit zu berichten, lustiges, aber auch nachdenkliches, und so werde ich dem hier gesagten, demnächst weitere Kapitel folgen lassen.

 

©2011 Jena Jubilee Singers